Die Spalte Mom 12−2 misst, wie stark ein Kurs über
11 Monate gestiegen ist — und lässt den jüngsten Monat bewusst
weg.
Das klingt nach einem Detail und ist der Kern der Kennzahl. Auf kurze Sicht laufen Kurse nicht fort, sie kehren eher um. Wer den letzten Monat mitmisst, holt sich genau den Effekt ins Signal, der gegen Momentum arbeitet. So misst die Kapitalmarktforschung seit 1997, und so rechnet diese Liste.
Diese Seite erklärt, was die Bezeichnung „12−2“ genau bedeutet, wie die Spalte hier gerechnet wird, und was sie von Levys RSL unterscheidet, nach dem die Liste geordnet ist. Wie es zu dieser Messweise kam, steht in Weiterentwicklung der RSL-Strategie.
Über ein Jahr setzen sich Kursbewegungen eher fort. Über einen Monat kehren sie eher um. Beides zugleich steckt in jeder Kursreihe.
Den kurzfristigen Teil haben zwei Arbeiten aus dem Jahr 1990 unabhängig voneinander gezeigt, von Narasimhan Jegadeesh und von Bruce Lehmann: Auf Horizonten von einer Woche bis zu einem Monat laufen Kurse nicht fort, sondern kehren um. Was kurzfristig stark gestiegen ist, gibt danach eher etwas ab; was gefallen ist, holt eher auf. Die Forschung nennt das kurzfristige Umkehr (short-term reversal).
Für eine Kennzahl, die den mittelfristigen Trend messen soll, ist das ein Störsignal. Ein Titel, der im letzten Monat kräftig zugelegt hat, sähe mit diesem Monat stärker aus, obwohl gerade dieser Anstieg eher wieder abbröckelt. Sichtbar wird das in den Daten von Jegadeesh und Titman: Ihre Momentum-Strategie verdient nach der Bildung Monat für Monat — nur im ersten nicht.
With the exception of the first month, this portfolio realizes positive returns in each of the 12 months after the formation date.
Narasimhan Jegadeesh 1993, Conclusions
Daraus folgt die Messweise: Man nimmt die Rendite eines Jahres, lässt aber den letzten Monat weg. Was übrig bleibt, ist der Teil der Kursreihe, in dem sich Momentum zeigt — ohne den Teil, in dem es sich umkehrt.
Beleg: Narasimhan Jegadeesh 1990, Abstract, Bruce N. Lehmann 1990
Nicht „von vor zwölf bis vor zwei Monaten“. Gemeint sind die Monate t−12 bis t−2, und t ist der Monat, in dem gehalten wird.
Die Bezeichnung kommt aus der Forschung, und dort wird ein Portfolio am Ende eines Monats gebildet und im folgenden Monat gehalten. Dieser Haltemonat heißt t. Der Monat davor, t−1, ist der jüngste vor der Bildung — und genau der fällt heraus. Gemessen wird über die Monate t−12 bis t−2, das sind 11 Monatsrenditen.
| Monat | Beispiel | Rolle |
|---|---|---|
t | Januar | Haltemonat: gebildet am letzten Handelstag im Dezember |
t−1 | Dezember | der jüngste Monat — bleibt draußen |
t−2 | November | letzter Monat im Fenster; es endet mit dem Schlusskurs Ende November, einen Monat vor der Bildung |
t−12 | Januar des Vorjahres | erster Monat im Fenster; es beginnt mit dem Schlusskurs Ende Dezember davor, zwölf Monate vor der Bildung |
Vom Tag der Bildung aus gesehen reicht das Fenster also vom Kurs vor zwölf Monaten bis zum Kurs vor einem Monat. In der Datenbibliothek von Kenneth French, in der der Momentum-Faktor frei verfügbar ist, steht es im Kopf der Datei so:
The portfolios are constructed monthly. […] Prior return is measured from month -12 to - 2.
French Data Library, Dateikopf
Mark Carhart, der Momentum 1997 als vierten Faktor neben Markt, Größe und Value eingeführt hat, beschreibt ihn ohne die Monatszählung — und damit unmissverständlich:
I construct PR1YR as the equal-weight average of firms with the highest 30 percent eleven-month returns lagged one month minus the equal-weight average of firms with the lowest 30 percent eleven-month returns lagged one month.
Mark M. Carhart 1997, S. 61
„Eleven-month returns lagged one month“: elf Monate Rendite, um einen Monat versetzt. Genau das misst die Spalte in dieser Liste.
Aus Tagesschlusskursen, in Handelstagen statt in Kalendermonaten — täglich neu.
Eine Kursreihe kennt keine Monate, nur Handelstage. Die Liste rechnet deshalb mit der üblichen Näherung von 21 Handelstagen je Monat: Das Fenster beginnt 252 Handelstage zurück, also 12 Monate, und endet 21 Handelstage zurück, also 1 Monat. Das Ergebnis steht in Prozent in der Spalte. Hat ein Titel noch keine 252 Handelstage Kursgeschichte, bleibt das Feld leer.
Drei Dinge unterscheiden die Spalte vom Faktor der Forschung, und keines davon ist versteckt:
Und eines gilt hier wie überall in dieser Liste: An den Fensterlängen wurde nicht gedreht. Sie stehen so in der Literatur, und der Grund, sie zu wählen, ist ihre Beleglage — nicht ihr Ergebnis auf unseren Daten.
Beleg: French Data Library, Dateikopf, Mark M. Carhart 1997, S. 61
Drei erfundene Kurse genügen. Mehr als zwei davon braucht die Rechnung nicht.
| Zeitpunkt | Kurs |
|---|---|
| vor 252 Handelstagen | 80,00 |
| vor 21 Handelstagen | 100,00 |
| heute | 90,00 |
Mom 12−2 = 100,00 ÷ 80,00 − 1 = +25,00 %. Der heutige Kurs kommt in der Rechnung nicht vor.
Zum Vergleich die Rendite mit dem jüngsten Monat: 90,00 ÷ 80,00 − 1 = +12,50 %. Der Rückgang im letzten Monat halbiert hier den Wert. Mom 12−2 sieht ihn nicht — mit Absicht: Ein einzelner schwacher Monat sagt über den mittelfristigen Trend wenig, und nach dem Befund zur kurzfristigen Umkehr eher das Gegenteil dessen, wonach er aussieht.
Ob sich das bei einem bestimmten Titel so verhält, sagt die Zahl allerdings nicht. Die Befunde der Forschung gelten für breit gestreute Portfolios über viele Jahre, nicht für die nächste Woche einer einzelnen Aktie.
Beide fragen, ob ein Kurs gestiegen ist. Sie messen es an verschiedenen Stellen der Kursreihe.
Levys RSL, nach dem diese Liste geordnet ist, teilt den aktuellen Kurs durch einen Durchschnitt. Mom 12−2 vergleicht zwei einzelne Kurse. Daraus folgen drei Unterschiede, die man beim Lesen der Liste kennen sollte.
| RSL nach Levy | Mom 12−2 | |
|---|---|---|
| Bezug | Durchschnitt aus dem aktuellen Kurs und den 26 Wochenschlusskursen davor | ein einzelner Kurs, 12 Monate zurück |
| Zeitraum | 26 Wochen, rund ein halbes Jahr | 11 Monate |
| Jüngster Kurs | steht im Zähler | bleibt draußen, mit dem ganzen letzten Monat |
Beleg: Robert A. Levy 1967, Abschnitt II „Price Ratios“
Das ist der wichtigste Unterschied. Beim RSL bestimmt der aktuelle Kurs den Wert unmittelbar mit; ein kräftiger Anstieg in den letzten Tagen hebt ihn sofort. Mom 12−2 reagiert darauf erst, wenn dieser Anstieg einen Monat alt ist. Steht ein Titel im RSL weit oben, bei Mom 12−2 aber nicht, kann genau dieser letzte Monat der Grund sein.
Der Nenner des RSL glättet: Ein einzelner ungewöhnlicher Wochenschlusskurs verschiebt den Durchschnitt nur wenig. Mom 12−2 hängt dagegen an genau zwei Kursen. War der Kurs vor 12 Monaten an diesem einen Tag ungewöhnlich tief, fällt der Wert entsprechend hoch aus — und springt, sobald dieser Tag aus dem Fenster wandert.
Der RSL schaut rund ein halbes Jahr zurück, Mom 12−2 fast ein ganzes. Ein Titel, der vor neun Monaten stark gestiegen ist und seitdem seitwärts läuft, hat einen hohen Mom-Wert und einen RSL nahe 1.
Welches Maß „richtig“ ist, entscheidet diese Liste nicht. Sie ordnet nach dem RSL, damit
sie mit anderen RSL-Listen vergleichbar bleibt, und stellt Mom 12−2 daneben, weil es die
Messweise ist, mit der die Forschung arbeitet. Wo beide auseinanderlaufen, lohnt der
zweite Blick. Einen Mittelweg zeigt die Spalte RSL 26W −1W: derselbe RSL,
nur eine Woche früher gerechnet. Woher der RSL kommt, steht in
RSL: Methodik & Herkunft.
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