Die Spalte Vola 6M zeigt, wie stark ein Kurs schwankt. Sie ist die
einzige der vier Forschungsspalten, die diese Liste bewusst nicht wertet — keine
Farbe, keine Sortierung danach.
Momentum hat eine Kehrseite. Im Durchschnitt über viele Jahre ist der Effekt gut belegt, aber die schlechten Phasen kommen selten, gebündelt und heftig. Die Forschung nennt sie Momentum Crashes. Mit der Schwankung haben sie zu tun — nur nicht so, wie man zuerst denkt.
Diese Seite erklärt, wann und warum die Abstürze kommen, was eine Steuerung über die Schwankung daran ändert, warum die Spalte trotzdem kein Urteil trägt und wie sie gerechnet wird. Wo beides in der Geschichte der Momentum-Forschung steht, zeigen Die Kehrseite und der Abschnitt zum Risiko auf der Seite zur Weiterentwicklung der RSL-Strategie.
Die großen Verluste kommen nicht verstreut, sondern gebündelt — und zwar dann, wenn der Markt nach einem Einbruch wieder kräftig steigt.
Kent Daniel und Tobias Moskowitz haben die Monate von Januar 1927 bis März 2013 ausgewertet. Die beiden schlechtesten Monate der Strategie sind Juli und August 1932, direkt hintereinander, nach einem Marktrückgang von rund 90 Prozent seit dem Hoch von 1929. April und Mai 1933 stehen auf Platz 6 und 12. März und April 2009 stehen auf Platz 7 und 4; drei der zehn schlechtesten Monate fallen in das Jahr 2009, in einen Zeitraum von drei Monaten, in dem der Markt kräftig stieg und die Schwankung zurückging.
Das Muster ist in beiden Fällen dasselbe: Erst fällt der Markt tief, dann dreht er. In der Erholung erwischt es die Strategie. Und das Bild ist nicht symmetrisch: Die extremen Verluste sind größer und dichter gebündelt als die extremen Gewinne.
The extreme momentum gains are not nearly as large in magnitude or as concentrated in time.
Kent Daniel 2016, Text zu Tabelle 1
Beleg: Kent Daniel 2016, Text zu Tabelle 1
Eine Momentum-Strategie stürzt nicht ab, weil ihre Gewinner fallen, sondern weil ihre Verlierer steigen.
Die Strategie der Forschung kauft die Gewinner und verkauft die Verlierer leer. Steigt der Markt nach einem tiefen Fall kräftig, steigen gerade die Titel am stärksten, die vorher am meisten verloren hatten — genau die, auf deren Fall die Strategie gesetzt hat. Die Zahlen von Daniel und Moskowitz:
Thus, to the extent that the strong momentum reversals we observe in the data can be characterized as a crash, they are a crash in which the short side of the portfolio—the losers—crash up, not down
Kent Daniel 2016, Text zu Tabelle 1
Für eine Rangliste, aus der man nur kauft, heißt das: Wer 1932 die Spitze gekauft hat, ist nicht abgestürzt. Er lag 50 Prozentpunkte hinter dem Markt — ein schlechtes Ergebnis, aber kein Crash. Der Absturz der Strategie ist der Absturz ihrer Leerverkäufe.
Und es heißt auch: Der Absturz hängt an der Marktlage und an der Schwankung der ganzen Strategie, nicht an der Schwankung einer einzelnen Aktie. Wie unruhig ein bestimmter Titel ist, sagt nicht, ob gerade ein Momentum-Crash bevorsteht.
Beleg: Kent Daniel 2016, Text zu Tabelle 1
Barroso und Santa-Clara verbessern nicht die Auswahl der Titel. Sie verändern, wie viel eingesetzt wird.
Pedro Barroso und Pedro Santa-Clara skalieren die ganze Strategie mit dem Kehrwert ihrer eigenen realisierten Schwankung der letzten sechs Monate. Wird die Strategie unruhig, setzen sie weniger ein; ist sie ruhig, mehr. Die Abstürze verschwinden damit praktisch.
Drei Dinge sind daran wichtig, und alle drei sprechen dagegen, die Spalte als „ruhig ist gut“ zu lesen:
Beleg: Pedro Barroso 2015, Abstract
Bei der Wahl der Titel spricht Levys Befund eher für Schwankung als dagegen — und auch das nur zusammen mit Stärke.
Robert Levy hat die Frage gestellt, um die es bei einer Rangliste geht: welche Titel? In seiner Table 2 schnitten die Titel am besten ab, die relativ stark und relativ volatil waren. Nur in dieser Kombination; Schwankung allein sagt dort nichts voraus.
| Levy 1967, Table 2 | Barroso/Santa-Clara 2015 | |
|---|---|---|
| Frage | welche Titel man auswählt | wie viel man einsetzt |
| Gemessen an | einzelnen Titeln im Querschnitt | der ganzen Strategie, über die Zeit |
| Befund | stark und volatil schnitt am besten ab | ruhige Strategie: mehr einsetzen |
Die Spalte misst die Schwankung einzelner Titel. Das ist Levys Frage, nicht die von Barroso und Santa-Clara. Deshalb gilt in dieser Liste:
Levys Befund ist ein Befund, keine Regel. Seine Stichprobe war schmal — 200 Aktien der New York Stock Exchange von 1960 bis 1965, ohne Bereinigung um das Risiko —, und genau daran setzten Jensen und Benington 1970 ihre Kritik an. Ob neuere Arbeiten ihn stützen, ist hier nicht geprüft und steht deshalb nicht auf dieser Seite.
Was die Spalte sicher sagt: Ein Titel, der stark schwankt, kann auch stark fallen. Hohe Schwankung heißt hohes Risiko, für einen einzelnen Titel ebenso wie für ein Depot. Was das für Anlageentscheidungen bedeutet und was diese Seite ausdrücklich nicht ist, steht im Haftungsausschluss.
Beleg: Robert A. Levy 1967, Table 2, Michael C. Jensen 1970, Summary and Conclusions, Pedro Barroso 2015, Abstract
Die Streuung der Tagesrenditen der letzten 126 Handelstage, auf ein Jahr hochgerechnet, in Prozent.
6 Monate mit der üblichen Näherung von 21 Handelstagen je Monat ergeben 126 Handelstage. Aus 127 Tagesschlusskursen entstehen 126 Tagesrenditen; ihre Standardabweichung ist die Schwankung eines Tages. Gerechnet wird mit der Stichprobenstreuung, also mit n − 1 im Nenner. Hat ein Titel noch keine 127 Tagesschlusskurse, bleibt das Feld leer.
Hochgerechnet auf ein Jahr wird mit der Wurzel aus 252, der üblichen Zahl von Handelstagen im Jahr. Die Wurzel und nicht das Vielfache, weil sich zufällige Schwankungen über die Tage teilweise ausgleichen: Die Streuung wächst mit der Wurzel der Zeit, nicht mit der Zeit selbst.
Ein erfundener Kurs steigt einen Tag um 1,00 %, fällt am nächsten um denselben Satz, und so weiter, 126 Handelstage lang. Die Schwankung eines Tages ist dann fast genau dieser Satz. Hochgerechnet:
1,00 % × Wurzel aus 252 = 15,87 %. Die Spalte zeigt für diesen Kurs 15,94 %; der kleine Unterschied kommt von n − 1 im Nenner.
Lesen lässt sich der Wert grob so: Ein Titel mit einer Schwankung von 15,87 % bewegt sich an einem gewöhnlichen Tag um etwa 1,00 % — mal nach oben, mal nach unten. Über die Richtung sagt die Zahl nichts.
Keine Anlageberatung und keine Anlageempfehlung. Vergangene Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die künftige, und bei Wertpapieren besteht das Risiko des Totalverlusts.
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