Das 52-Wochen-Hoch als Signal

Die Spalte 52W-Hoch zeigt, wie nah ein Kurs an seinem höchsten Stand der letzten 52 Wochen liegt. Eine schlichte Zahl — und nach dem Befund der Forschung eine der aussagekräftigsten in dieser Liste.

Dass Aktien nahe ihrem Jahreshoch eher weiter steigen, klingt nach Börsenfolklore. Thomas J. George und Chuan-Yang Hwang haben es 2004 geprüft: Die Nähe zum 52-Wochen-Hoch sagt künftige Renditen besser voraus als die reine Kursveränderung der Vergangenheit, auf der das klassische Momentum beruht.

Diese Seite erklärt den Befund, die Erklärung dafür, wie die Spalte hier gerechnet wird, und warum das Maß wieder ein Kursverhältnis ist, wie Levys RSL. Wo der Befund in der Geschichte der Momentum-Forschung steht, zeigt Weiterentwicklung der RSL-Strategie.

52 Wochen der höchste Kurs eines Jahres als Bezugspunkt für den aktuellen Kurs Thomas J. George 2004, Abstract
dominiert die Nähe zum Hoch sagt Renditen besser voraus als die Vorrendite eines Titels und seiner Branche Thomas J. George 2004, Abstract
keine Umkehr die so vorhergesagten Renditen kehren sich langfristig nicht um Thomas J. George 2004, Abstract

Der Befund: Die Nähe zum Hoch schlägt die Kursveränderung

Nicht wie stark ein Kurs gestiegen ist, sagt am meisten — sondern wie nah er an seinem Hoch steht.

George und Hwang stellen drei Maße in den direkten Vergleich: das klassische Momentum nach Jegadeesh und Titman, das die Rendite der Vergangenheit misst; das Branchen-Momentum nach Moskowitz und Grinblatt, das dieselbe Frage für ganze Branchen stellt; und die Nähe des Kurses zu seinem 52-Wochen-Hoch. Das dritte Maß gewinnt:

Nearness to the 52-week high dominates and improves upon the forecasting power of past returns (both individual and industry returns) for future returns.

Thomas J. George 2004, Abstract

„Dominates and improves upon“: Im direkten Vergleich ist die Nähe zum Hoch das stärkere Maß, und sie verbessert die Vorhersage gegenüber der Vorrendite — sowohl gegenüber der des einzelnen Titels als auch gegenüber der seiner Branche.

Der zweite Teil des Befunds betrifft die Zeit danach, und er ist für die Deutung mindestens so wichtig:

Future returns forecast using the 52-week high do not reverse in the long run.

Thomas J. George 2004, Abstract

Die Autoren schließen daraus, dass das kurzfristige Fortlaufen von Kursen und ihre langfristige Umkehr weitgehend getrennte Erscheinungen sind — und nicht zwei Phasen derselben Bewegung, wie viele Modelle sie bis dahin beschrieben.

Beleg: Thomas J. George 2004, Abstract, Narasimhan Jegadeesh 1993, Tobias J. Moskowitz 1999

Die Erklärung: das Hoch als Anker

Anleger zögern, einen Kurs über ein bekanntes Hoch hinaus zu bieten — auch wenn die Nachrichten es rechtfertigen würden.

Das 52-Wochen-Hoch ist eine Zahl, die jeder kennt. Sie steht in jeder Kursübersicht und in jedem Depotauszug. George und Hwang erklären ihren Befund damit, dass Anleger diese Zahl als Bezugspunkt nehmen, als Anker, an dem sie neue Nachrichten messen.

Kommt eine gute Nachricht, während der Kurs schon nahe am Hoch steht, zögern sie, ihn über diese Marke hinaus zu treiben. Der Kurs nimmt die Nachricht deshalb zunächst nur teilweise auf. Der Rest folgt später, wenn sich die Information durchsetzt — und dieser spätere Anstieg ist es, den die Nähe zum Hoch vorhersagt. Für schlechte Nachrichten bei Kursen weit unter dem Hoch gilt dasselbe in der Gegenrichtung.

Das erklärt auch, warum sich die Renditen nicht umkehren. Wenn der Kurs nur eine verzögerte Nachricht nachholt, gibt es danach nichts zurückzugeben. Eine Übertreibung würde sich korrigieren; eine verspätete Anpassung nicht.

Beleg: Thomas J. George 2004, Einleitung

Wie die Spalte hier gerechnet wird

Der heutige Schlusskurs, geteilt durch den höchsten Schlusskurs der letzten 260 Handelstage.

52 Wochen mit je fünf Handelstagen ergeben ein Fenster von 260 Handelstagen. Der heutige Tag gehört dazu. Das „Jahreshoch“ ist hier also kein Hoch des Kalenderjahres, sondern ein gleitendes: Das Fenster rückt nach jedem Handelstag um einen Tag weiter, und ein altes Hoch fällt heraus, sobald es älter als 260 Handelstage ist. Weil Feiertage keine Handelstage sind, reicht das Fenster meist etwas weiter zurück als 52 Kalenderwochen. Hat ein Titel noch keine 260 Handelstage Kursgeschichte, bleibt das Feld leer.

Gerechnet wird mit Tagesschlusskursen, nicht mit Wochenschlusskursen: Ein Hoch, das an einem Dienstag lag, würde ein Fenster aus Freitagskursen übersehen. Hochs, die nur im Verlauf eines Handelstages erreicht wurden, kennt die Liste dagegen nicht; sie hat nur Schlusskurse.

Was 1,00 und 0,80 bedeuten

Der Wert liegt zwischen 0 und 1, weil kein Kurs im Fenster höher sein kann als dessen Höchststand.

  • 1,00 heißt: Der heutige Schlusskurs ist selbst das Hoch des Fensters. Der Titel steht auf seinem Jahreshoch oder hat gerade ein neues erreicht.
  • 0,80 heißt: Der Kurs liegt 20 % unter seinem Hoch.

Ein Wert über 1 kann nicht vorkommen. Je kleiner der Wert, desto weiter ist der Titel von seinem Hoch entfernt.

Ein Rechenbeispiel zum Nachrechnen

Zwei erfundene Kurse genügen: das Hoch und der Kurs von heute.

ZeitpunktKurs
höchster Schlusskurs der letzten 260 Handelstage125,00
heute100,00

52W-Hoch = 100,00 ÷ 125,00 = 0,80. Der Kurs liegt −20,00 % unter seinem Hoch.

Eine Falle beim Lesen: Bis zurück zum Hoch fehlen nicht 20 %, sondern mehr. Von 100,00 auf 125,00 sind es +25,00 %, weil sich der Anstieg auf den niedrigeren Kurs bezieht.

Was der Kurs zwischen dem Hoch und heute getan hat, spielt keine Rolle. Ob er seit Monaten seitwärts läuft oder gestern eingebrochen ist: Die Spalte zeigt dasselbe. Und ob sich der Befund bei einem bestimmten Titel bestätigt, sagt die Zahl nicht. Die Ergebnisse der Forschung gelten für breit gestreute Portfolios über viele Jahre.

Wieder ein Kursverhältnis — wie Levys RSL

Beide Maße teilen den aktuellen Kurs durch einen Bezugspunkt aus der eigenen Kursgeschichte. Sie unterscheiden sich nur darin, welchen.

Levy hatte 1967 genau diese Form gewählt: Kurs geteilt durch einen gleitenden Durchschnitt. Die spätere Forschung ist über weite Strecken einen anderen Weg gegangen und hat Momentum als Rendite gemessen, als Kursveränderung zwischen zwei Zeitpunkten — so wie die Spalte Mom 12−2. Der Befund von George und Hwang führt zurück zur Form, mit der Levy angefangen hatte: Das stärkste Einzelmaß in ihrem Vergleich ist wieder ein Kursverhältnis. Nur ist der Bezugspunkt nicht der Durchschnitt, sondern das Hoch.

RSL nach Levy52W-Hoch
Zähler aktueller Kurs aktueller Kurs
Nenner Durchschnitt aus dem aktuellen Kurs und den 26 Wochenschlusskursen davor höchster Schlusskurs der letzten 260 Handelstage
Zeitraum 26 Wochen, rund ein halbes Jahr 52 Wochen, rund ein Jahr
Wertebereich über 1, wenn der Kurs über seinem Durchschnitt liegt höchstens 1

Beleg: Robert A. Levy 1967, Abschnitt II „Price Ratios“, Thomas J. George 2004, Abstract

Der Unterschied im Nenner hat Folgen. Ein Durchschnitt folgt dem Kurs mit Verzögerung: Läuft ein Titel lange seitwärts, holt der Durchschnitt auf, und der RSL nähert sich 1. Ein Hoch bleibt dagegen stehen, bis es aus dem Fenster fällt. Ein Titel, der vor einem halben Jahr kräftig gefallen ist und sich seitdem nicht erholt hat, kann deshalb einen RSL nahe 1 haben — und trotzdem weit unter seinem 52-Wochen-Hoch stehen.

Umgekehrt kann ein Titel auf einem neuen Hoch stehen, also bei 1,00, und dennoch nur einen mäßigen RSL haben, wenn er langsam und gleichmäßig gestiegen ist. Beide Spalten zeigen dann einen Aufwärtstrend, aber mit verschiedener Betonung: der RSL das Tempo gegenüber dem Durchschnitt, das 52W-Hoch den Abstand zur Spitze.

Die Liste bleibt nach dem RSL geordnet, damit sie mit anderen RSL-Listen vergleichbar ist, und stellt das 52W-Hoch daneben, weil es im Vergleich von George und Hwang das stärkste Maß war. Woher der RSL kommt, steht in RSL: Methodik & Herkunft.

Keine Anlageberatung und keine Anlageempfehlung. Vergangene Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die künftige, und bei Wertpapieren besteht das Risiko des Totalverlusts.

Haftungsausschluss und Risikohinweise im Einzelnen

Quellen

Jede Zahl auf dieser Seite steht mit ihrer Fundstelle daneben — Abschnitt, Tabelle oder Seite. Die Links führen über die DOI zum Aufsatz; die Volltexte liegen überwiegend hinter Bezahlschranken der Verlage, die bibliographischen Angaben genügen aber für jede Bibliothek.

  • Robert A. Levy (1967): Relative Strength as a Criterion for Investment Selection. The Journal of Finance 22(4), S. 595–610. doi:10.1111/j.1540-6261.1967.tb00295.x
  • Narasimhan Jegadeesh, Sheridan Titman (1993): Returns to Buying Winners and Selling Losers: Implications for Stock Market Efficiency. The Journal of Finance 48(1), S. 65–91. doi:10.1111/j.1540-6261.1993.tb04702.x
  • Tobias J. Moskowitz, Mark Grinblatt (1999): Do Industries Explain Momentum?. The Journal of Finance 54(4), S. 1249–1290. doi:10.1111/0022-1082.00146
  • Thomas J. George, Chuan-Yang Hwang (2004): The 52-Week High and Momentum Investing. The Journal of Finance 59(5), S. 2145–2176. doi:10.1111/j.1540-6261.2004.00695.x